Nachhaltigkeitsfonds: Das sollten Anlageberater in der Praxis beachten

 

 

 

 

 

 

Nicht nur in der Politik feiert Grün eine Renaissance – auch in der Wirtschaft sind Umweltverträglichkeit und Co. von zentraler Bedeutung. Gleiches gilt an den Finanzmärkten, wie sich etwa an den Börsenkursen von Tesla – inzwischen wertvollster US-Autohersteller – oder an Bayer – seit der Übernahme des Biotechnologiekonzerns Monsanto schwer unter Druck – zeigt. Nachhaltigkeit ist omnipräsent in unserer Gesellschaft, sodass es wenig verwundert, dass auch immer mehr Privatanleger ökologische und soziale Aspekte bei ihren Investitionsentscheidungen berücksichtigen. Doch was sind überhaupt nachhaltige Finanzprodukte und was haben Anlageberater beim Vertrieb solcher besonders zu beachten?

Nachhaltige Finanzprodukte
Derzeit existiert noch keine gesetzliche Definition, was unter nachhaltigen Finanzinstrumenten zu verstehen ist. Vielmehr orientiert sich der Begriff der Nachhaltigkeit an den sogenannten ESG-Kriterien “Environmental, Social und Governance”. Nachhaltige Finanzprodukte zeichnen sich somit dadurch aus, ökologischen, sozialen, ethischen und klimafreundlichen Aspekten Rechnung zu tragen. Doch wie genau beeinflussen die ESG-Kriterien ein Finanzprodukt? Als Faustregel gilt: Der Schlüssel ist immer der “Verwendungszweck” der Gelder. Ob ein Finanzprodukt die ESG-Kriterien berücksichtigt, hängt also davon ab, was der Emittent des Produktes mit dem eingesammelten Kapital tun möchte. Der Emittent muss sich am Ende daran messen lassen, wie er das Kapital einsetzt. Allerdings sind auch mit den ESG-Kriterien viele Unklarheiten verbunden. Was etwa, wenn eine Anleihe dazu dient, den Bau eines Atomkraftwerks zu finanzieren? Kann das den ESG-Ansprüchen gerecht und die Anleihe somit als grün bezeichnet werden? Atomstrom ist vermeintlich klimaschonender als andere Energiequellen, und es gibt durchaus Stimmen, die die Ansicht vertreten, eine erfolgreiche Energiewende könne nur mit dem Einsatz von Atomkraft funktionieren.

Dies zeigt sich auch bei einer im Auftrag der deutschen Bafin durchgeführten Umfrage, wonach fast 20 Prozent der Befragten meinten, dass es nachhaltig sei, in Atomkraft zu investieren, um den Klimawandel zu bekämpfen. Ob auch ein Fünftel der österreichischen Anleger diese Ansicht teilt – schließlich sind wir seit “Zwentendorf” ein Bollwerk gegen Atomkraft – sei dahingestellt. Anlageberater stehen somit vor der Herausforderung, anhand der unzähligen verschiedenen Abgrenzungskriterien, die sich hinter dem Begriff Nachhaltigkeit verstecken, jene Produkte auszuwählen, die den individuellen Erwartungen und Vorstellungen des Kunden entsprechen.

Bezeichnungsschutz 
Als Reaktion darauf sind, ähnlich wie zum Beispiel bei Bioprodukten oder Ökostrom, Gütesiegel für Öko-Investments entstanden. Im deutschsprachigen Raum existieren etwa das FNG-Siegel oder das österreichische Umweltzeichen (UZ 49), die nachhaltige Finanzprodukte beziehungsweise grüne Fonds kennzeichnen. International oder EU-weit konnte sich jedoch noch kein generell anerkanntes Gütesiegel uneingeschränkt etablieren. Vielmehr ist zu beobachten, dass neue Nachhaltigkeitssiegel oder -zertifikate wie Schwammerln aus dem Boden schießen und Konsumenten wie Berater eher ratlos zurücklassen. Häufig kann man nur rätseln, ob diese Siegel tatsächlich das bescheinigen, was im Produkt vermeintlich enthalten ist, oder ob damit nicht vielmehr “Greenwashing” betrieben wird.

Die EU-Kommission hat dieses Problem erkannt und den Wunsch nach einer einheitlichen Lösung aufgegriffen. Ergebnis ist die sogenannte Taxonomie-Verordnung. Damit will die EU-Kommission einen Rahmen für nachhaltige Investitionen schaffen, wobei statt eines Gütesiegels ein Bezeichnungsschutz eingeführt wird. Demnach ist künftig einheitlich geregelt, wann eine Investition ökologisch nachhaltig ist und als solche bezeichnet werden darf. Im Wesentlichen kommt es darauf an, dass die Investition ein Umweltziel fördert (Klimaschutz, Schutz von Wasserressourcen etc.) und gleichzeitig keine Umweltziele ­gefährdet. Allerdings dauert es noch, bis dieser Bezeichnungsschutz zu beachten ist. Die Verordnung ist nämlich erst mit Juli 2020 ­staffelweise anwendbar, vollständig erst mit Ende 2022.

Die Taxonomie-VO bleibt aber nicht die einzige Neuerung. Im Rahmen des europäischen Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums wird außerdem noch die “Offenlegungs-Verordnung” erlassen sowie die zur Mifid II ergangene Delegierte Verordnung (EU) 2017/565 geändert. Die Offenlegungs-VO sieht unter anderem für Wert­papierfirmen, Versicherungsvermittler und Wertpapiervermittler umfassende Offenlegungspflichten zu Nachhaltigkeitsrisiken vor. Das soll insbesondere dazu führen, dass die Finanzmarktteilnehmer ESG-Faktoren in ­ihren Beratungsprozess integrieren und Anleger diese Faktoren sodann in ihrer Anlageentscheidungen berücksichtigen. Mit der ­Änderung der DelVO wird zudem der Beratungsprozess insofern angepasst, als Anlageberater künftig aktiv nachfragen müssen, ob und wie der Kunde ökologische Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit bei Investments berücksichtigen möchte. Die Angaben sind sodann entsprechend bei der Produktempfehlung zu berücksichtigen. Der Geltungsbeginn dieser Vorschriften ist aber wie jener der Taxonomie-VO frühestens im Jahr 2021.

Nachhaltige Anlageberatung 
Aber müssen Anlageberater bereits heute nachfragen, ob der Kunde ein nachhaltiges ­Finanzprodukt wünscht? Anlageberater sind verpflichtet, im Rahmen der Beratung die Anlageziele des Kunden zu ermitteln. Dies umfasst nach § 56 Abs. 1 WAG 2018 unter anderem die Pflicht, Informationen zum Anlagezweck einzuholen. Darunter sind jene Zwecke zu verstehen, die der Anleger mit dem geplanten Geschäft verfolgen will, etwa Vermögensbildung oder Altersvorsorge. Der Anlageberater soll somit das “Wozu der Geldanlage” abklären. Das bedeutet, dass der Berater grundsätzlich nur diese Zweckvorstellung abzufragen hat, nicht aber auch allenfalls dahinterstehende Motive. Ein explizites Nachfragen, ob das Finanzprodukt auch nachhaltig sein soll, ist daher aus rechtlicher Sicht derzeit noch nicht in jedem Fall geboten. Eine solche Nachforschungspflicht besteht nur dann, wenn der Berater weiß oder der Kunde von sich aus mitteilt, dass ihm auch beim Investieren der Umweltgedanke wichtig ist oder er nachhaltige Produkte wünscht. In diesem Fall muss der Anlageberater bereits heute den Nachhaltigkeitsaspekt bei der Beratung beachten.

Betrachtet man die Ergebnisse der erwähnten Bafin-Umfrage, ist es für Anlageberater aber ohnedies sinnvoll, bereits heute standardmäßig bei den Kunden nachzufragen, ob ihnen nachhaltige Aspekte beim Veranlagen wichtig sind. So geben zwar drei Viertel der Befragten an, dass ökonomische Überlegungen bei der Anlageentscheidung im Vordergrund stehen, jedoch möchten gleichzeitig 60 Prozent mit ihrer Investition zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen.

Potenzielle Haftungsrisiken
Neben all dem positiven Frohsinn, der nachhaltige Finanzinstrumente begleitet, dürfen Anlageberater aber nicht die damit verbundenen potenziellen Haftungsrisiken außer Acht lassen. Denn Anleger haben hinsichtlich nachhaltiger Produkte oft völlig falsche Vorstellungen. Wie die Umfrage der Bafin zeigt, glauben viele Anleger, dass sich die ökonomischen und nachhaltigen Aspekte gegenseitig positiv beeinflussen – mehr Nachhaltigkeit bedeutet demnach mehr Sicherheit und mehr Rendite. Dieser Irrglaube führt aber aufs Investment-Glatteis, denn nachhaltige Anlageprodukte können genauso sicher oder unsicher sein wie nicht nachhaltige Produkte. Anlageberater sollten daher davon ausgehen, dass die Anleger die Faktoren “Sicherheit” und “Nachhaltigkeit” nicht richtig verknüpfen. Gleiches gilt im Hinblick auf die Rendite.


Den gesamten Artikel von Mag. Martin Pichler, und Florian Braunauer, finden Sie in der Heftausgabe 4/2019 von FONDS professionell, die Ende November erscheint.